EGBB meets Politik – am 22.09. Energiewende wählen

Deutschland liest Willenbacher

Spontan – sympathisch – informativ  so lässt sich das dezentrale Lese-Event “Deutschland liest Willenbacher”  am vergangenen Donnerstag  in Berlin am besten beschreiben.

Spontan – weil diese Veranstaltung kurzfristig binnen 2 Tagen organisiert wurde. Sympathisch – waren sowohl die anwesenden Vertreter aus der Politik aber insbesondere auch die auf kurzfristige Einladung erschienen Gäste und Zuhörer. Informativ – waren zum einen die 100-Prozent-Vision des Herrn Willenbacher aber vor allem die anschließende Podiumsdiskussion mit den geladenen Berliner Politikern.

Aber der Reihe nach…

Nach einigen Grußworten von Herrn Willenbacher aus 130 m Höhe von der Gondel einer der derzeit größten Windkraftanlagen in Deutschland (Enercon E-126) begann zunächst die Lesung aus Willenbachers Buch. Die gewählten Auszüge stellten die Beweggründe des Autors, die Vision einer 100 %-igen Energieversorgung aus Erneuerbaren Energien sowie deren Umsetzbarkeit bis 2020 dar.

Der Rahmen für die anschließende Podiumsdiskussion war somit geschaffen.

An dieser Stelle möchten wir noch einmal Frau Dr. Ute Finckh-Krämer (SPD-Direktkandidatin für Steglitz-Zehlendorf/Berlin), Frau Astrid Schneider (Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Energie der Grünen) und Herrn Götz Müller (CDU-Direktkandidat Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost/Berlin) dafür danken, dass Sie sich in der heißen Phase des Wahlkampfes die Zeit genommen haben und unserer Einladung gefolgt sind.

Es entwickelte sich rasch die erwartet lebhaft und engagierte Diskussion zu den Themen Ausbau der Erneuerbaren Energien, Dezentralität der Energieversorgung, Umgang mit fossilen Kraftwerken und Strompreisentwicklung. Dabei waren die persönlichen Ausgangspositionen unserer Gäste nicht so konträr, wie es deren parteipolitische Zugehörigkeit hätte erwarten lassen. Insbesondere Herr Müller bekundete offen seine positive Haltung zum zügigen weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland, was angesichts verschiedener Äußerungen seiner Parteikollegen und insbesondere des Umweltministers Herrn Altmaier nicht unbedingt zu erwarten war.

Einhellig wurde betont, dass nur Erneuerbare Energien den Kern einer künftigen Energieversorgung bilden müssen und hierbei die wichtigsten Impulse von den Bürgern ausgehen. So ganz wollte jedoch keiner der 3 Gäste der Vision von 100 % Erneuerbarer Energien bis 2020 folgen. Insbesondere wurden Zweifel an der grundsätzlichen Machbarkeit, vor allem aber an der Kürze des Umsetzungszeitraumes deutlich.

Hier war ein Blick in die Wahlprogramme der Parteien hilfreich. Während die Grünen immerhin bis 2030 eine Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien anstreben, hält die SPD im gleichen Zeitraum lediglich 75 % für realistisch. Ganz und gar nicht festlegen will sich hingegen die CDU, die lediglich einen “Ausbau mit Augenmaß“ anstrebt. Ein wenig mehr Enthusiasmus für die Energiewende hätte der CDU hier gut zu Gesicht gestanden, zumal sie sich selbst als „Initiator der Energiewende“ sieht, wie Herr Müller (CDU) unter lautstarkem Protest von Frau Dr. Finck-Krämer (SPD) und Frau Schneider (Grüne) zu verstehen gab. Immerhin lies sich Herr Müller noch die Aussage entlocken, dass bis 2050 ein Anteil von 80 % Erneuerbarer Energien realistisch sei.

Auch die Vertreter von SPD und Grünen wurden kritisch hinterfragt. Insbesondere beim Thema Offshore-Windenergie, wurde nicht klar, warum diese noch zentraler Bestandteil beim Ausbau Erneuerbarer Energien ist. Die ursprünglich angenommenen erzielbaren Energieerträge liegen nicht mehr wesentlich über denen, die an Land aktuell erzielbar sind. Dies liegt vor allem an der rasanten technologischen Entwicklung der Onshore-Windkraft, die durch höhere Nabenhöhen und größere Rotordurchmesser deutlich mehr und effizienter Strom erzeugen können. Und dies zu deutlich niedrigeren Kosten als Offshore-Windkraft. Das Argument, dass viele Arbeitsplätze an der Offshore-Industrie hängen, vermochte da nur wenig zu überzeugen vor dem Hintergrund, dass in den vergangenen 2 Jahren die Solarbranche unter Verweis auf genau die hohen Kosten enorm starke Einschnitte hinnehmen musste, die letztlich auch zahlreiche Arbeitsplätze im Photovoltaik-Sektor in Deutschland vernichtet haben. Fazit hierzu war schlussendlich die ebenso ehrliche wie erschreckende Erkenntnis, dass SPD und CDU nach wie vor lieber viele kleine Unternehmen „über die Klinge springen lassen“ als ein großes – ein Prinzip, für dass es in der Vergangenheit viele unrühmliche Beispiele branchenübergreifend gibt.

So ist vielleicht das Festhalten an der Offshore-Windkraft als Ausgleich dafür zu verstehen, dass die großen 4 Energiekonzerne (RWE, Vattenfall, EnBW, EON) ihren bisherigen „Goldesel“ Atomkraft sukzessive aufgeben müssen.

Beim Schwarz-Gelben Wahlkampfthema Nr. 1 der vergangenen Wochen – dem steigenden  „Strompreis“ – wurde in der Diskussion schnell klar, dass es hier insbesondere einer gründlichen Überarbeitung des EEG-Umlagemechanismus bedarf, welcher in der jetzigen Form erst 2010 eingeführt wurde und seitdem zu dem paradoxen Ergebnis führt, dass sinkende Börsenstrompreise infolge von EE-Strom letztlich zu höheren Kosten für die Endverbraucher führen.

Interessanterweise ist hier die Kohleindustrie aktuell in mehrfacher Hinsicht Profiteur. Zum einen können Sie Ihren eigenen Strombedarf kostengünstig an der Börse einkaufen und sind zudem noch umlagebefreit. Zum anderen sind Kohlekraftwerksbetreiber in der Lage, ihren Kohle-Strom momentan sehr günstig zu produzieren, da die CO2-Zertifikate-Preise so niedrig sind (hier haben vor allem auch CDU/CSU und FDP Neu-Regelungen für einen europäischen CO2-Zertifikate-Handel blockiert). Zur Frage, inwieweit ein weiterer Zubau von Kohlekraftwerken, gab es erwartungsgemäß konträre Auffassungen. Während die Grünen eine künftige Energieversorgung ohne Kohlestrom anstreben, geht die CDU davon aus, dass Kohle nach wie vor im künftigen Energiemix eine Rolle spielen wird und muss. Frau Dr. Finckh-Krämer gab zu verstehen, dass die SPD in dieser Frage sehr gespalten ist und daher wohl den Kompromiss wählt, bereits genehmigte Kohlekraftwerke noch zu errichten aber keine neuen mehr zu genehmigen.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass es – unabhängig von Wahlprogrammen – in allen Parteien Befürworter der Energiewende gibt. Glücklicherweise hatten wir 3 dieser Vertreter bei uns zu Gast, die auch einhellig betonten, dass gerade Bürgerenergiegenossenschaften als zentraler Baustein einer solchen Energiewende unterstützt werden müssen.

Lediglich hinsichtlich der Art der Umsetzung und des erforderlichen Zeitrahmens gab es erwartungsgemäß zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen. Mit den Ambitionierten Visionen und Zielen des Herrn Willenbacher konnte noch keiner unserer Gäste vollständig mitgehen. Vielleicht ändert sich dies zumindest ein Stück weit, nach der vollständigen Lektüre des Buches „Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin“.

Das unsrige haben wir hierzu getan. Jeder unserer 3 Gäste hat ein Exemplar erhalten, mit der Bitte, es nach dem Lesen weiterzugeben. Denn es erscheint uns wichtig, dass möglichst viele Menschen mit den Potentialen, die eine erfolgreiche Energiewende bietet, vertraut gemacht werden. Und um sicher zu gehen, dass auch Frau Merkel, das ursprünglich an Sie gerichtete „unmoralische Angebot“ erhält, hat Herr Götz Müller ein gesondertes „Kanzlerin-Exemplar“ erhalten. Wer weiß, vielleicht liest sie ja gerade darin.

Zum Schluss noch eine persönliche Bitte. Am Sonntag, den 22.09. haben wir die Wahl. Wir können abstimmen über die Zukunft der Energiewende. Darum – geht wählen! Eine Übersicht darüber, wie Eure Direktkandidaten zur Energiewende stehen, findet Ihr unter https://www.erneuerbare-jetzt.de/aktionen/kandidatencheck-erneuerbare-energien/

20. September 2013 von Heiko Schaller
Kategorien: EGBB, Energiegenossenschaft, Energiewende, Veranstaltungen | Schlagwörter: , , , , | Schreibe einen Kommentar

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