“Weil ich fest daran glaube, dass sich von alleine nichts ändern wird!” – Gesichter der EGBB / Falk Hermenau

Gesichter der EGBB - Falk Hermenau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Falk ist seit November 2013 Mitglied in unserer Energiegenossenschaft. Als Aktivist in der Lausitz, kämpft er gegen die Erweiterung der Braunkohle-Tagebaue, koordinierte das Volksbegehren “Keine neuen Tagebaue” und wird am kommenden Samstag vor der CDU-Bundesparteizentrale in Berlin die Abschlussveranstaltung der Energiewende-Demo moderieren. In unserer Reihe “Gesichter der EGBB” verrät uns Falk, warum es sich lohnt Mitglied in einer Energiegenossenschaft zu werden und sich nachhaltig und sozial gerecht zu engagieren.


Michael: 
Klimaschädliche Kohlekraftwerke sollen durch die Energiewende zurückgedrängt werden. Doch laut neuen Zahlen produzieren sie so viel Strom wie zuletzt vor mehr als 20 Jahren. Wie kommt das und brauchen wir diesen Braunkohle-Strom?

Falk: Wir bräuchten keinen Strom aus Braunkohle, aber in Brandenburg betreibt ein  Braunkohle- & Wirtschaftsministerium einen klaren Unterstützungskurs in die völlig falsche Richtung: Gegen die Interessen der Gesellschaft und für Interessen von Vattenfall. Deshalb geht es leider nicht hin zu 100% Strom aus erneuerbaren Energien – sondern hin zu NEUEN Tagebauen wie Welzow Süd II. Damit überholen seit zwei Jahren die “Rekorde” aus DDR Zeiten.

Bisher kam Brandenburg ohne große Unterstützung der Landesregierung im Ausbau der erneuerbaren Energien ganz gut voran. Wenn dieser Ausbau so weiter gehen würde, könnte bereits im Jahr 2020/2022 eine Vollversorgung von 100% durch Strom aus erneuerbaren Energien zustanden kommen – so die Prognose. Dies musste selbst der Wirtschaftsminister des Landes Brandenburg zugeben. Dieser unterstützt nun aber den Ausbau der Tagebaue und somit den Braunkohle-Strom, den wir schon jetzt zu einem Großteil ins Ausland exportieren, mit der Konsequenz, dass die Stromnetze in Brandenburg regelrecht verstopft sind durch den dreckigen Braunkohle Strom. Deshalb werden dann Windräder, z. B. in Proschim, ausgeschaltet, weil kein “Platz” für ihre Energie im Stromnetz ist. Das ist doch eine vollkommen abstrusen Situation. Der Braunkohle-Strom ist also bereits jetzt ein Hindernis für den Umbau unserer Stromversorgung und die Landesregierung tut gerade alles dafür, diese Behinderung zu vergrößern.


Michael: 
In den vergangenen Jahren hat sich ein positiver Trend gezeigt, dass sich Bürger immer stärker privat in die Erneuerbare Energien-Thematik einbringen, sei es durch die Errichtung eigener kleiner Energieanlagen oder das aktive Engagement in Genossenschaften. Du selbst engagierst dich als Mitglied in der EGBB. Warum Energiegenosse werden?

Falk: Weil ich fest daran glaube, dass sich von alleine nichts ändern wird! Wenn es nach dem Willen und dem Handeln der großen vier Stromproduzenten (Vattenfall, RWE, EnBW & EON) geht, dann wird sich in den nächsten Jahrzehnten nichts ändern, da sie ihre alten Anlagen bis zum bitteren Ende für ihre betriebswirtschaftlichen Gewinne auslasten wollen – egal zu welchem Preis für die Allgemeinheit. Auf die Politik können wir uns dabei leider nicht mehr verlassen. Die haben sich in den letzten Jahrzehnten viel zu sehr in die Abhängigkeit der Energielobbyisten begeben und sind dadurch nun handlungsunfähig. Deshalb glaube ich, dass wir eine Energiewende nur erreichen können, wenn wir sie selbst in die Hand nehmen: Jede Bürgerin und jeder Bürger.

Ich selbst habe leider keine eigenes Dach für eine Solaranlage oder einen Acker um ein Windrad oder eine Biogasanlage zu installieren. Als Brandenburger wollte ich aber gern auch etwas hier vor Ort machen. Mit meinen Genossenschaftsanteilen an der EGBB setze ich dies nun in die Tat um. Nur auf die Straße zu gehen um zu demonstrieren und eventuell zu Hause noch Vattenfall Strom zu beziehen – das geht für mich nicht überein.


Michael: 
Ende 2008, Anfang 2009 warst Du Koordinator des Volksbegehrens gegen neue Tagebaue, setzt Dich aktiv gegen die Erweiterung der Tagebaue in der Lausitz ein. Was treibt Dich an und was ist Dir ganz persönlich wichtig?

Falk: Ich bin in der Lausitz groß geworden und habe hautnah miterleben müssen, wie viele Generationen für Braunkohle gegen ihren Willen aus ihren Häusern vertrieben wurden. Zu DDR Zeiten hatten wir ja noch keine Alternativen. Die Folgen von damals sind bereits jetzt in der Lausitz sichtbar. Eisenoxid verockert z.B. unsexy die Spree (Braune Spree) in Teilen des Spreewaldes, der ja eigentlich Arbeitsplätze im Tourismus bereit halten soll. Außerdem stellen natürlich die erhöhten Sulfat-Werte im Grundwasser eine Gefahr für das Berliner Trinkwasser dar.

Die Lausitz bräuchte nun also vielmehr einen Strukturwandel in die Zukunft als neue Tagebaue, für den Erhalt von 172 Arbeitsplätzen am Tagebau Welzow Süd II und im Kraftwerk Boxberg. Bei dem über 100 Arbeitsplätze in der Landwirtschaft vernichtet werden und mehr als 800 Menschen vertrieben werden. Das Kurioseste ist ja zudem, dass in Prochim bereits jetzt mit erneuerbaren Energien Strom für 15.000 Menschen produziert werden und diese Anlagen müssen der Braunkohle weichen.

Ganz persönlich wird durch den neuen Tagebau ein Teil meiner Familienerinnerung abgebaggert. Als Kind habe ich im Deulowitzer See schwimmen gelernt und viele Sommer mit meiner Familie und Freunden verbracht. Ich werde meinen Kinder dort nicht mehr Schwimmen beibringen können. So einfach ist das – oder auch so traurig. Da hat sicher jede*r Einzelne in der Lausitz ähnliche Erinnerungen und Orte.

In der Zeit als ich in Neuseeland, Australien und Asien gelebt und gearbeitet habe, dachten die immer wir wären hier in Deutschland schon so weit mit der Energiewende und das internationale Vorzeigebeispiel. Als ich denen von meinem Zuhause erzählt habe, waren die alle zutiefst fassungslos. Die Auswirkungen des Klimawandels treffen ja nicht nur direkt uns, sondern eben alle Menschen auf der Welt – vor allem die, die nicht so viele finanziellen Mittel haben wie wir, trifft es dabei meist am härtesten. Das wir, DIE fortschrittliche Wirtschaftsnation Deutschland also noch Stromversorgung aus Braunkohle betreiben – und damit aus der dreckigsten und ineffizientesten Art überhaupt – ist deshalb nahezu unglaublich! Ganz ehrlich: So eine Verantwortungslosigkeit muss doch einfach mal ein Ende haben!


Michael: 
Am 10. Mai moderierst Du die Abschlusskundgebung der Energiewende-Demo vor der CDU-Parteizentrale in Berlin. Lokalmatadoren wie die Band SEEED haben ihre musikalische Unterstützung auf der Bühne zugesagt. Es gibt Demo-Züge zu Lande und zu Wasser entlang des Spreebogens im Regierungsviertel – ein wahres Spektakel. Wie wichtig sind solche Veranstaltungen, um ein Signal an die Öffentlichkeit zu senden und den Druck auf die Regierung zu erhöhen?

Falk: Als langjähriger Aktivist kann ich nur sagen, erst durch den Protest auf der Straße sind viele Dinge gesellschaftlich verändert worden, der Atomausstieg nach Fukushima, wo ja 250.000 Menschen auf die Straße gingen ist ja das beste Beispiel.

Der Druck auf Politiker*innen wirkt eben erst sehr stark, wenn wir dahin gehen, wo Entscheidungen fallen. Diese stehen nun im Bundesrat bevor – deshalb gab es ja bereits am 22. März in sieben Landeshauptstädten Demonstrationen an denen über 30.000 Menschen teilgenommen haben. Anschließend gab es schon kleine Verbesserungen bei den Verhandlungen zum EEG. Mit der Demo am 10.5. werden wir noch einmal ordentlich Druck machen auf den Bundesrat. Durch die Unterstützung von SEEED und Revolverheld erreichen wir eben auch Menschen, die bisher eher weniger ihre politische Meinung auf der Straße bekundet haben. Die Bands unterstützen uns, weil ihnen das Thema am Herzen liegt. Pierre Baigorry (Peter Fox) von SEEED ist z.B. einer der Initiatoren von Geht-Auch-Anders.de. Dort trägt er mit seinem Interview zur Aufklärung bei.

Gemeinsam mit diesen Künstler*innen und den Redner*innen werden wir für die Energiewende kämpfen. Ich lade alle EGBBler*innen ein mit ihren Freund*innen und Familien nach Berlin zu kommen und für die Energiewende zu rocken. Zum Abschluss noch ein paar Sprüche für die Demo zum üben: „Kohlekraft wollten wir noch nie – wir wollen Bürger-Energie“, „Tagebau ist Zukunftsklau“, „Fukushima, Tschernobyl – was zu viel ist ist zu viel!“ Vielen Dank für die Fragen und ich hoffe alle EGBBler*innen und Freund*innen am 10. Mai spätestens vor der Bühne begrüßen zu dürfen! Am Abend findet übrigens noch die Berliner Filmpremiere von „Leben mit der Energiewende 2“ um 20 Uhr im Zoo Palast statt. Wer noch nicht selbst vor einen Tagebau stand, hat dort die Gelegenheit auf einer großen Leinwand einen der Realität sehr nahe kommenden Eindruck zu bekommen. Freikarten können unter karten@newslab bestellt werden. Hier der Link.


Michael:
Liebe Falk, ich bedanke mich, dass Du Dir die Zeit für unsere Fragen genommen hast und wünsche uns allen am Samstag eine erfolgreiche Energiewende-Demo und Dir weiterhin alles Gute und viel Erfolg und Schaffenskraft für deine anstehenden Aufgaben.

07. Mai 2014 von Michael Schulz
Kategorien: Bürgerenergie, EGBB, Energiegenossenschaft, Energiewende, Gesichter der EGBB | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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